Was sehen wir hier?

 

Ein Mann, am Heiligenschein als Heiliger und am roten Gewand als reicher Mann zu erkennen, wird von einem anderen Mann, der Kleidung nach einem Priester, abgewiesen. Er darf das Tempelgebäude nicht betreten.

 

 Dieses Bild bezieht sich auf ein Evangelium, das nicht in den Kanon, das heißt, die Sammlung der Schriften des Neuen Testaments aufgenommen worden ist: Das Kindheitsevangelium des Jakobus, eine Schrift, die im 2. Jahrhundert nach Christus verfasst wurde. Ob der Verfasser wirklich Jakobus hieß und wer er war, ist nicht bekannt.

 Der Name Kindheitsevangelium kommt daher, dass dieses Evangelium mit der Vorgeschichte der Geburt Mariens beginnt und mit der Geschichte, wie Jesus und Johannes der Täufer die Verfolgung durch Herodes überlebten, schließt.

 

 Der abgewiesene reiche Mann ist Joachim, der Mann Annas und Vater der Gottesmutter Maria. Über Joachim und Anna heißt es, sie seien reich und großzügig gewesen. Joachim habe einen erheblichen Teil seines Vermögens dem Tempel und den Armen zur Verfügung gestellt.

 

 Da sie jedoch kinderlos waren, was im Alten Testament als eine große Schande galt, durfte Joachim den Tempel nicht betreten. So betete er darum, endlich ein Kind zeugen zu können.

 

Allerdings wird bereits im Alten Testament ein sehr bekannter Mann erwähnt, der erst im hohen Alter – das Buch Genesis spricht davon, dass er 100 Jahre und seine Frau 90 Jahre alt war – Vater wurde: Niemand geringeres als Abraham. Darauf verließ sich auch Joachim laut dem Jakobusevangelium, als er um ein Kind betete.

 

 Eine weitere Parallele gibt es: Nach dem 1. Buch Samuel versprach eine Frau namens Hanna, die ebenfalls lange kinderlos war, ihr Kind Gott zu weihen, falls es ein Sohn würde. Dasselbe Versprechen leistete Anna – der Name ist derselbe, da es im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, kein H am Wortanfang gibt – allerdings mit dem Unterschied, dass sie auch eine eventuelle Tochter Gott weihen wollte.

 

 Tatsächlich wurde Anna schwanger und gebar nach neun Monaten ein Mädchen, das die Eltern Maria bzw. auf Hebräisch Miriam nannten. Nach dem Jakobusevangelium war Maria sehr früh entwickelt, konnte etwa mit sechs Monaten bereits laufen.

 Als sie drei Jahre alt war, brachten die Eltern Maria in den Tempel. Dort lebte sie in einer Art Tempelinternat bei den Priestern und ihren Dienern.

 

Aus jüdischer Sicht ergab sich ein neues Problem, als Maria zwölf Jahre alt wurde: Während ihrer Monatsregel galt eine Frau als unrein, durfte also nicht den Tempel betreten. Der Hohenpriester, laut dem Jakobusevangelium Zacharias, der spätere Vater Johannes des Täufers, suchte also nach einem Ehemann für Maria. Da sie eine geweihte Jungfrau war, durfte sie allerdings nicht mit jedem beliebigen Mann verheiratet werden. So betete Zacharias im Allerheiligsten zu Gott und erhielt eine Vision: Er sollte sie demjenigen Witwer zur Frau geben, an dessen Stab sich ein Zeichen zeigen sollte.

 

 Zacharias ließ also alle Witwer aus ganz Israel zusammenkommen und befahl allen, ihre Stäbe abzugeben. Beim Zimmermann Josef gab es schließlich ein Zeichen: Eine Taube flog aus seinem Stab.

 

 Josef lehnte zunächst ab, da er zu alt und zu arm sei und außerdem bereits Söhne habe. Schließlich akzeptierte er aber auf Drängen des Hohenpriesters.

 

 Der Grund für diese Erzählung dürfte die Tatsache sein, dass in den Evangelien zum einen von Brüdern Jesu – ich will hier in die Diskussion, ob Brüder auch andere Verwandte sein können oder nicht, nicht einsteigen – die Rede ist, zum anderen, dass im Zusammenhang mit dem erwachsenen Jesus zwar mehrmals von Maria, aber nie von Josef die Rede ist.

 

 Das Jakobusevangelium berichtet noch von einigen anderen Dingen, etwa, dass sich Maria wegen ihrer Schwangerschaft während Josefs Abwesenheit rechtfertigen musste oder davon, dass Herodes Zacharias hinrichten ließ, weil dieser nicht sagen konnte, wo seine Frau Elisabeth und sein Sohn Johannes, den der König beim Kindermord von Bethlehem hinrichten wollen hatte, abgeblieben seien.

 Dies bestätigt die Vermutung, dass der Verfasser die Kindheitsgeschichte von Matthäus und Lukas ausschmücken wollte.

 

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